»Regierung will Einfluss des WBDJ schmälern«

Von den russischen Behörden nicht erwünscht: Junge Kommunisten beim Festival

 

Alexander Batow ist Mitglied des Revolutionären Kommunistischen Jugendverbands (Bolschewiki) in Russland. Für diesen nahm er an den Weltfestspielen der Jugend und Studenten teil. Am Donnerstag wurde ihm die Akkreditierung für das Festival entzogen, es ist ihm seitdem nicht mehr möglich deren Gelände zu betreten. Mit ihm sprach in Sotschi für junge Welt Roland Zschächner.

Für den russischen Revolutionären Kommunistischen Jugendverband (Bolschewiki) nehmen Sie an den Weltjugendfestspielen teil – die in Ihrem Land stattfinden. Wie stehen Sie zu den diesjährigen Festspielen?

Es wird zwar damit geworben, dass das Festival vom Weltbund der Demokratischen Jugend, dem WBDJ, ausgerichtet wird, doch tatsächlich ist diese Veranstaltung prorussisch, proimperialistisch und ganz im Sinne der russischen Regierung. Man versucht, dem einen progressiven Anschein zu geben, doch alles hier wird von der russischen Regierung und ihren Funktionären kontrolliert.

Ihr Verband musste sich mit diversen Schikanen herumschlagen. Was ist Ihnen widerfahren?

Die Situation ist für uns sehr kompliziert. Unsere Delegation ist wegen der von den russischen Behörden vorgeschalteten Prozeduren nicht sehr groß. Uns wurde lediglich erlaubt, 15 Delegierte zum Festival zu schicken. Etwa zwei Wochen vor Beginn der Festspiele erfuhren wir, dass die Hälfte unserer Genossen von der Teilnahme ausgeschlossen wurde. Es hieß, es gebe Sicherheitsbedenken gegen sie. Als wir dem genauer nachgehen wollten, erfuhren wir, dass die russischen Sicherheitsbehörden jeden Delegierten überprüften. Die Genossen konnten ohne Angabe von Gründen abgelehnt werden. Deshalb haben wir noch immer keine Informationen darüber, was genau hinter diesen Ausschlüssen steht. Dahinter vermuten wir politische Gründe.

Sind auch andere Delegationen Opfer der Repression geworden?

Das passiert jeden Tag. Am schlimmsten ist das, was einem Mitglied der Kommunistischen Jugend Serbiens vor einigen Tagen geschah. Als er am Flughafen eintraf, wurde er von russischen Beamten abgefangen. Sie zwangen ihn, ein Papier zu unterzeichnen, mit dem er bekundet, Russland gar nicht besuchen zu wollen. Danach drängten sie ihn gewaltsam in eine Maschine nach Belgrad. Ein anderer Fall ist die Delegation der Sahrauis aus Algerien. Das Flugzeug, mit dem sie anreiste, erhielt keine Landeerlaubnis. Also musste es über Sotschi abdrehen und nach Algerien zurückkehren. Mir gegenüber haben russische Offizielle erklärt, dass diese Gruppe gar nicht angemeldet war. Ich weiß nicht, was stimmt. Aber ich erinnere mich nicht, dass es je solche Vorkommnisse bei anderen Weltfestspielen gegeben hätte.

Nach offiziellen Angaben nehmen rund 12.500 russische Jugendliche und etwa genauso viele Gäste aus anderen Ländern an den Weltfestspielen teil. Konnten Sie einen Eindruck gewinnen, wer diese jungen Leute sind?

Die Mehrheit der Teilnehmer hier steht in keiner Beziehung zur sozialistischen oder kommunistischen Bewegung, nicht einmal zu dem, was man fortschrittlich nennen würde. Die russische Delegation besteht im wesentlichen aus für die Regierung eingenommenen Jugendlichen. Für die ist das Festival ein Ort, um Spaß zu haben, Lieder zu singen und zu tanzen. Nimmt man alle russischen Jugendlichen zusammen, die aus fortschrittlichen Organisationen kommen, dann kommt man vielleicht auf 800.

Dafür finden sie hier aber Vertreter von Regierungsorganisationen oder großer Konzerne, etwa Manager von Gasprom. Das führt zu surrealen Situationen. Als ich hier spazieren ging, sah ich rechts von mir, wie sich Banker über die Ausweitung ihres Geschäfts unterhielten. Gleichzeitig tanzten zu meiner Linken Jugendliche und riefen Parolen für die Freiheit Palästinas.

Und der WBDJ nimmt das einfach hin?

Die Regierung versucht, den Einfluss des WBDJ zu schmälern. Vor zwei Jahren, als der Austragungsort der Festspiele noch bestimmt werden musste, versprach Russland dem WBDJ alles mögliche. Als das WBDJ-Komitee später, nach der Entscheidung, ins Land kam, fand es eine mangelhafte Infrastruktur vor. Auch griff die Regierung in das Programm der Festspiele ein. Natürlich hat der WBDJ all das, all die Banker und auch das große Spektakel, nicht gewollt. Doch Russland ignorierte die Einwände einfach. Der WBDJ wurde weitgehend aus Vorbereitung und Umsetzung des Festivals herausgedrängt.

Erschienen am 20. Oktober 2017 in der Tageszeitung junge Welt

 

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