»Der antiimperialistische Charakter ist uns wichtig«

Willkommen in Sotschi

Ein Gespräch mit Eric Young. Er ist Mitglied der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und dort aktiv in der AG Internationales. Er ist Vorsitzender des bundesweiten Vorbereitungskomitees für die Weltfestspiele.

Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend organisiert die Delegation aus der Bundesrepublik nach Sotschi zu den 19. Weltfestspielen der Jugend und Studenten. Wie viele Genossinnen und Genossen werden dort hinfahren?

Es gibt zwei Teile der deutschen Delegation. Der eine Teil ist über das Vorbereitungskomitee angemeldet. Es waren am Anfang 30 Teilnehmer, durch die Absprachen mit der »russischen Administration« sind es jetzt nur noch 13. Das hat in den vergangenen Wochen zu Verbitterung geführt. Doch alle Teilnehmer freuen sich, nach Sotschi zu fahren.

Und die zweite Delegation?

Diesmal hat es – ohne Absprache mit dem Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) und ohne die nationalen Vorbereitungskomitees einzubinden – ein Onlineanmeldeverfahren der »russischen Administration« gegeben, die die Hoheit über die Struktur vor Ort hat. Das ist nicht üblich. Darüber haben sich aus der Bundesrepublik ungefähr 40 Teilnehmer angemeldet, die wir weder kennen noch bestätigt haben.

Habt ihr Befürchtungen, dass auch Rechte unter den Teilnehmern sind?

Es gab Versuche, sich in das bundesweite Vorbereitungskomitee einzuschleusen. Dabei können wir indes nicht von Rechten sprechen, sondern eher von Menschen, die sich als Antiimperialisten bezeichnen, die aber nach unserer Analyse offen für eine Querfront mit rechten Kräften sind. Sie wurden aber ausgeschlossen und sind auch nicht auf der Liste, die uns die »russische Administration« vorgelegt hat.

Insgesamt klingt es nach einer schwierigen Zusammenarbeit mit der russischen Seite …

Für uns ist bisher vieles unklar geblieben, wer in Russland für die Organisation verantwortlich ist. Es gibt drei Vorbereitungsgremien: das des WBDJ, das nationale russische Vorbereitungskomitee und eine Gruppierung staatlicher oder staatsnaher Institutionen. Diese nennen wir »russische Administration«.

Erwartet ihr eher entpolitisierte Weltfestspiele?

Der Großteil der Teilnehmer reist wahrscheinlich nicht mit dem Anspruch an, sich unter politisch kämpfenden Jugendlichen auszutauschen. Der Charakter wird anders sein als etwa in Ecuador oder Südafrika. Wir beobachten, dass unser WBDJ-Programm marginalisiert wird. Doch das sind wir von jeder kapitalistischen Regierung gewohnt. Anderes war vom russischen Staat – trotz der finanziellen Unterstützung – nicht zu erwarten.

Wie weit die Weltfestspiele politisiert werden, hängt aber von uns ab und ob wir Diskussionsangebote machen können. Uns ist es wichtig, den antiimperialistischen Charakter herauszustellen. Wir werden auf alle Fälle unsere Zeitung verteilen, die wir extra für die Weltfestspiele verfasst haben. Auch werden wir in den Seminaren unsere Inhalte bewerben. Eine politische Arbeit, wie wir sie auch in der Bundesrepublik gewohnt sind.

Die FDJ, ebenfalls Mitglied des WBDJ, hat im Vorfeld angekündigt, nicht nach Sotschi zu fahren.

Die FDJ hat uns im Januar diesen Beschluss mitgeteilt. Wir haben dafür plädiert, ein gemeinsames Vorbereitungskomitee zu bilden, auch weil wir eine ähnliche Kritik wie sie haben: Wir befürchten, dass die Weltfestspiele umgedeutet werden. Weg von einem Treffen von aktiven, antiimperialistischen Jugendlichen hin zu einer Romantisierung von vergangenen Kämpfen. Damit versucht der russische Staat, sich als legitimer Nachfolger der Sowjetunion darzustellen, was er für uns nicht ist.

Auch wenn Moskau im imperialistischen Weltgefüge eine andere Rolle spielt als die USA oder die großen EU-Länder: Russland ist ein kapitalistischer Staat, kein legitimer Nachfolger der Sowjetunion und steht auch nicht in ihrer historischen Kontinuität.

Was wird der inhaltliche Schwerpunkt der deutschen Delegation sein?

Uns geht es als deutsche Delegation darum, klar die imperialistische Politik der Bundesrepublik zu benennen, die nach der von Akteuren wie den USA oder Israel international weniger bekannt ist. Außerdem wollen wir vor Ort über die drohende Zuspitzung von Konflikten wie zwischen den als Westen wahrgenommenen NATO-Ländern und den BRICS-Staaten, allen voran Russland, herausstellen, um zu sagen: Wir stellen uns gegen eine Mobilmachung, bei der eine vermeintliche russische Bedrohung zur Aufrüstung und für Kriegsvorbereitung benutzt wird.

Mit wem wollt ihr euch besonders austauschen?

Wir haben Redebeiträge für ein Seminar von jungen Gewerkschaftern vorbereit6t. Wir haben unsere Ausrichtung auf Kämpfe in den Schulen, wo diese von nur wenigen Organisationen strukturiert angegangen werden. Wir denken, in diesem Feld etwas beitragen zu können. Austausch suchen wir mit Genossen aus Portugal und Griechenland, wo in den vergangenen Jahren viele Aktionen stattfanden. Uns interessiert dabei, welche Themen und Ansprachekonzepte dort funktioniert haben.

Erschienen in der Tageszeitung junge Welt am 14. Oktober 2017

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